Low Ground Pressure

Wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn Vertrautes seine Lesbarkeit verliert? Verschieben
sich Bedeutungen und wandeln Objekte ihre Form oder Funktion, so verändert sich auch unser
Verständnis davon, was sie sind – und wie sie sich in unsere alltäglichen Ordnungen, Routinen und
Deutungsmuster einschreiben. Die Ausstellung digesting the unreal bringt vier künstlerische
Positionen zusammen, die sich mit Ritual, Transformation und der instabilen Natur von Dingen
auseinandersetzen. In ihren installativen Arbeiten entwerfen Rebekka Maria Feicht, Minjoon Kim,
Jiwon Song und Jonas Strobl hybride Szenarien zwischen Wirklichkeit und Vorstellung, Alltag und
Zeremonie. Im Zentrum ihrer Überlegungen steht dabei stets die Frage, wie sich Überzeugungen
auflösen, wenn sich gewohnte Objekte ihrer Funktion entziehen und in neue, ungewohnte Kontexte
überführt werden.
Rebekka Maria Feichts Arbeit Herbal abortion project verhandelt eine Form der körperlichen Schwelle.
Ein halbtransparenter Vorhang mit eingesticktem Gedicht schafft eine intime Zone im Raum –
durchlässig, vieldeutig, schützend. Darauf projizierte Pflanzen verweisen auf überliefertes Wissen zu
pflanzlichen Abortiva, das über Generationen weitergegeben wurde. Der Vorhang fungiert als
verborgenes Archiv einer oftmals unsichtbaren Geschichte weiblicher Selbstermächtigung. Die fragilen
porzellanenen Früchte stellen eine Verbindung zwischen Zärtlichkeit und Widerstand her. Ihre Form
entsteht erst durch einen Moment kontrollierter Zerstörung. In ihrer Spannung zwischen poetischer
Geste und physischer Kraft reflektiert Feichts Arbeit ein Verhältnis zu Körper, Fürsorge und Kontrolle,
das bis in die Gegenwart umkämpft bleibt.
In seiner Installation Bratzähnchen transformiert Minjoon Kim das alltägliche Bild eines Grillhähnchen-
Ofens in ein absurd anmutendes, kinetisches Objekt – eine Konstruktion zwischen skulpturalem
Körper, mechanischer Vorrichtung und inszenierter Erzählung. Die metallischen Zähne rotieren
gleichmäßig im warm getönten Licht. Sie wirken zugleich bedrohlich und leer, wie das Nachbild eines
Begehrens, das sich von der Realität der Zubereitung längst entfernt hat. Die kontinuierliche
Drehbewegung erzeugt ein Gefühl mechanischer Endlosschleife, in der sich Wiederholung und
Auflösung überlagern. Gewalt, Konsum und Körperhaftigkeit verschmelzen zu einem ästhetisierten
Kreislauf. Was vordergründig funktional erscheint, entpuppt sich als Choreografie des
Auseinanderfallens und als Sinnbild einer kollektiven Struktur, in der Nähe und Distanz, Kontrolle und
Ausgeliefertsein untrennbar miteinander verknüpft sind.
Jiwon Songs Wandarbeit a not so perfect dinner lädt Geister an den Tisch. Ihre Zeichnungen und
keramischen Objekte bringen Yokai-Figuren in neue Kontexte. Humorvoll, verspielt, aber nicht harmlos
erscheinen die Geister als Überreste kollektiver Ängste und Begleiter vergessener Geschichten. Indem
Song das gemeinsame Essen als Ritual neu verhandelt – überladen, festlich, verstummt – verweist sie
auf das, was wiederkehrt, obwohl es längst verarbeitet schien. Die abwesenden Münder der Figuren,
ihr Verschmelzen mit Haaren und Ornamenten, destabilisieren jede feste Subjektgrenze. Inspiriert von
der Erinnerung an eine Kuckucksuhr ihrer Großmutter entwickelt eine weitere Arbeit die Vorstellung,
dass Geister in einer Art zeitlicher Schwebe existieren. Songs Werke erzählen von einer anderen Logik
der Gegenwart: Eine in der das Vergangene nicht verschwindet, sondern nur die Form verändert.
Für die raumhohe Installation Buzzcut setzt sich Jonas Strobl mit dem Konzept ritueller Übergänge
auseinander. In der abstrahierten Form eines kahlen Baums, eingefasst von einem Gitter, das zugleich
an einen Kamm oder Rasieraufsatz erinnert, wird eine symbolische Schwelle zwischen Zurücklassen
und Neuordnung erfahrbar. Wie ein archaisches Zeichen steht der Baum im Zentrum des Raums:
beschnitten, begrenzt – und dennoch im Wachstum begriffen. Die Nylonbürsten verweisen auf
Praktiken der Disziplinierung und Umformung. An der Schnittstelle von öffentlichem Raum,
kollektivem Körper und individueller Entwicklung thematisiert Strobl, wie sich Identität durch
ritualisierte Wiederholung, soziale Zuschreibungen und physische Eingriffe formt, dabei aber nie
gänzlich stabil bleibt.
Zwischen Schwellen, Geistern, Kräutern und rotierenden Zahnrädern entfaltet sich in der Ausstellung
digesting the unreal ein vielstimmiges Narrativ über Instabilität und Wandel. Die gezeigten Arbeiten
von Rebekka Maria Feicht, Minjoon Kim, Jiwon Song und Jonas Strobl formulieren keine Antworten,
sondern erzeugen Erfahrungsräume. Sie laden dazu ein, Wahrnehmung als aktiven, instabilen Prozess
zu begreifen: verdauend, zerlegend, neu zusammensetzend. Die zentrale Frage bleibt: Welche Realität
entsteht, wenn wir das Unwirkliche verinnerlichen?

Digesting the unreal
Minjoon Kim,
Romana Stehling
2025-08-08
2025-09-02